Der Drogenhandel in Westafrika muss durchdachter bekämpft werden

Wohl wird nur ein Bruchteil des weltweit geschmuggelten Kokains in Westafrika umgeschlagen. Die erzielten Umsätze übersteigen aber die Budgets mancher Staaten. Eine intelligentere Antidrogenpolitik müsste sich auf die Bekämpfung der Folgen in den einzelnen Ländern konzentrieren. Dafür braucht Westafrika die Hilfe seiner Partner.

„Die Polizei nahm mich fest. Als wir auf der Wache ankamen, schlug eine Kommissarin auf mich ein und schrie mich an: Drogensüchtige, Idiotin, hoffnungslose Frau. Sie schubste mich mit ihrem Schlagstock in eine Zelle, als sei ich eine Ziege. Man gab mir kein Essen, man gab mir kein Wasser. Ich schlief drei Tage lang auf dem Boden … bis eine meiner Schwestern, die mich gesucht hatte, schließlich kam.“1

In Westafrika werden Drogenkonsumenten aus ärmlichen Verhältnissen allzu oft auf diese Weise behandelt. Doch selbst Geld und Unterstützung von der Familie sind nicht immer ausreichend. Als ein jüngerer Vetter im Kindesalter drogenabhängig wurde, suchte ich nach Hilfe. Ich konnte nichts finden außer einer psychiatrischen Einrichtung, deren Angebote in keinster Weise internationalen Standards einer Drogentherapie entsprachen. Dennoch landete er immer wieder in dieser Einrichtung – bis er schließlich an seiner Drogensucht starb.
Als Kofi Annan mich bat, Vorsitzender einer unabhängigen Kommission für Drogen und Drogenschmuggel in Westafrika zu werden, nahm ich auch an, weil mir diese persönliche Erfahrung gezeigt hat, dass es jeden treffen kann. Es ist höchste Zeit, sich mit diesem Problem in Westafrika auseinanderzusetzen. Und zu lange haben wir uns vorgemacht, dass der Drogenschmuggel durch unsere Region nur in den reichen Konsumentenstaaten Schaden verursacht. Gemeinsam haben wir die Westafrikanische Kommission für Drogen (West Africa Commission on Drugs, WACD) ins Leben gerufen.2

Lange wurde das Problem der Drogen in Westafrika aus einer Art Außenperspektive betrachtet. Die Bereiche Reduzierung des Angebots, Abfangen von Drogenlieferungen oder übergeordnete Sicherheitsfragen lagen im Fokus, was in erster Linie für die europäischen Staaten relevant ist. Denn dorthin geht der Großteil der Drogen, die durch unsere Region geschmuggelt werden.

Ein großer Teil der Zusammenarbeit zwischen Europäischer Union und Westafrika bei der Bekämpfung des Kokainhandels wird im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit finanziert, zielt tatsächlich jedoch auf das länderübergreifende organisierte Verbrechen in Westafrika. Das hat andere, für Afrika dringendere Themen in den Hintergrund rücken lassen, wie den Mangel an Einrichtungen zur Behandlung von Drogenabhängigen oder die Tatsache, dass Geld aus Drogengeschäften unsere Politik unterwandert.

Den tieferliegenden Ursachen sowie den Auswirkungen auf Städte und Umschlagplätze ebenso wie auf nationale Wirtschaftsentwicklung und Regierungsführung wird nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch eine Diskussion über die Frage, wie die existierenden Strukturen die Kosten der Drogenbekämpfung an die ärmeren Anbau- und Transitländer weiterreichen, findet kaum statt. Es ist jedoch eine Tatsache, dass sich Drogenproduktion und -schmuggel auf fragile, konfliktanfällige und unterentwickelte Länder konzentrieren. 22 der 34 Staaten, bei denen es am unwahrscheinlichsten war, dass sie die Millenium-Entwicklungsziele erreichen werden, sind entweder Drogenerzeuger oder liegen auf den Routen des globalen Drogenhandels.

Länderübergreifende Kriminalität

Vor allem Westafrika ist anfällig für länderübergreifende Kriminalität. Die Grenzen sind durchlässig, an den Küsten wird nicht ausreichend patrouilliert. Regierung und Justiz sind noch immer recht instabil und können vom organisierten Verbrechen leicht unterwandert und vom Drogengeld korrumpiert werden. Unsere Länder dienen als Umschlagplatz für Produzenten aus Lateinamerika und Asien und für Konsumenten in Europa und den Vereinigten Staaten.

Wie die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, „durchqueren“ Drogen ein Land nicht einfach. Diese Länder sind „nicht nur Durchgangsstation“, wie die Kommission es im Titel ihres Berichts betont. Drogen und Drogengeld unterminieren Gesellschaften. Der illegale Drogenhandel hatte einen direkten oder indirekten Einfluss auf politische Unruhen in Ländern wie Guinea-Bissau und Mali – sie sind auch verantwortlich für Entwicklungen, die die wirtschaftlichen und sozialen Fortschritte bedrohen, die wir in Westafrika zuletzt erzielt haben.
Kriminelle Unternehmen, die häufig mit Geldwäsche in Verbindung stehen, haben tiefgreifende Auswirkungen auf Volkswirtschaften: Sie befördern eine Wettbewerbsverzerrung, was sich wiederum negativ auf die Einkommensgleichheit auswirkt; sie höhlen das Rechtssystem und die Rechtssicherheit aus und sie leisten Bestechung Vorschub. Korruption und Gewalt wiederum sind Gift für legale, rechtstreue Unternehmen, denn sie schrecken Investoren und Touristen ab. Entwicklungshilfe und andere Ressourcen werden nicht in die Entwicklung investiert, sondern in die Stärkung von Polizei und Militär.

Der Einfluss des Drogengeldes

Es gibt durchaus Fortschritte bei der Bekämpfung und Unterbindung des Drogenhandels. Aber wir haben weiterhin mit der Tatsache zu kämpfen, dass unsere Kapazitäten und Ressourcen begrenzt sind, und dass oft genug auch von oben Einfluss genommen wird. In manchen Ländern konkurrieren die „Big Shots“ in Regierung, Sicherheitskräften und sogar extremistischen Gruppen um die Ausbeute des Drogenhandels. Wir befürchten zudem, dass demokratische Prozeduren wie Wahlen in einem besorgniserregenden Maß anfällig für Korruption durch Drogengelder sind. Um die Summen zu verdeutlichen, um die es dabei geht: Der Wert des Kokains, das jährlich über Westafrika geschmuggelt wird, liegt bei schätzungsweise 1,25 Milliarden Dollar. Das mag zwar nur ein Bruchteil des globalen Kokainmarkts von 80 bis 100 Milliarden Dollar sein. Es ist aber deutlich mehr als die jährlichen Staatshaushalte einiger Länder der Region.

Obwohl Drogen und Terrorismus in den Medien große Aufmerksamkeit erhalten und sogar neue Begriffe wie Narco-Dschihadismus geprägt werden, halten wir die Verbindung zwischen Rauschgifthandel und den lokalen Eliten für ungleich bedeutender. Gruppen, die mit Drogen handeln oder terroristische Taten begehen, sind eher „kriminelle Sub-Unternehmer“ oder „Komplizen“, als dass sie zum harten Kern der Verfechter dschihadistischer Ideologie gehörten. In erster Linie militärisch gegen sie vorzugehen, würde deshalb die Dinge nur verschlimmern. Lateinamerika bietet ein gutes Beispiel dafür, wie man den Herausforderungen des Drogenhandels in Westafrika nicht begegnen sollte. Denn Afrika kann es sich gar nicht leisten, die neueste Frontlinie in einem bereits gescheiterten Drogenkrieg zu werden.

Gegenwärtig sehen viele Drogengesetze in Afrika harte Strafen für Drogenkonsum und -besitz vor. Zudem werden diese Gesetze unverhältnismäßig häufig angewandt, wenn es sich um die Ärmeren oder Schwächeren der Gesellschaft handelt. Der größte Teil der Häftlinge in den Gefängnissen von Lagos, die wegen Drogendelikten verurteilt wurden, ist männlich, jünger als 40 Jahre, arbeitslos und ohne ausreichende Schulbildung. Fast drei Fünftel der Straftäter wurden zu weniger als zwei Jahren Haft verurteilt, was darauf hindeutet, dass sie wohl nicht in die Kategorie Drogenboss gehören.

Unserem Eindruck nach werden vor allem Drogenkonsumenten und Kleindealer in Haft gesetzt. Mit anderen Worten: Die kleinen Fische werden gefangen, während sich die großen weiterhin frei bewegen können. Ich weiß das auch aus eigener Erfahrung. Als ich in Haft saß, weil ich mich für Demokratie und gegen das Militärregime in Nigeria ausgesprochen hatte, waren unter meinen Mitgefangenen viele Kleindealer, aber keine Drogenbarone. Im Gefängnis an Drogen heranzukommen, war kein Problem. Ich hatte den Eindruck, dass die Insassen sich erst in den Haftanstalten zu hart gesottenen Kriminellen entwickelten, deren Ehrgeiz darauf abzielte, in die oberen Etagen des Drogenhandels zu gelangen.

Es wird immer leichter, an Drogen zu kommen. Gerade unter Jüngeren wächst die Anzahl von Drogenabhängigen. Die Daten, die uns – wenn auch noch nicht in ausreichendem Maße – zur Verfügung stehen, deuten darauf hin, dass der Cannabiskonsum in Westafrika höher ist als in den meisten anderen Weltregionen und dass der Kokainkonsum mittlerweile ein mit Westeuropa vergleichbares Niveau erreicht hat. Im Gegensatz zu Europa haben die Gesundheitssysteme in unserer Region aber nicht die Mittel oder Kapazitäten für eine adäquate Prävention oder Behandlung.

Diskriminierung und Marginalisierung von Drogenkonsumenten ist immer noch weit verbreitet. Die vorherrschende Auffassung in unseren Gesellschaften ist, dass Drogen ein soziales Übel sind. Die Stigmatisierung hat eine stark moralische Dimension. Cannabis wird in Ghana beispielsweise als „devil’s tobacco“ („Teufelstabak“) bezeichnet. Hier muss sich einiges ändern. Programme, die auf eine Schadensreduzierung im Umgang mit Drogenkonsum (harm reduction) und -sucht zielen, funktionieren erwiesenermaßen. Doch in Westafrika betreibt derzeit nur der Senegal ein solches Programm. Vorurteile gegenüber Drogenabhängigen stehen rationalen Entscheidungen im Weg, selbst wenn es nur darum geht abzuwägen, welche Politikoptionen überhaupt infrage kommen.

Hinsichtlich Prävention gibt es noch immer nur einen Ansatz des „Just Say No“ und entsprechende Kampagnen in den Massenmedien. Dabei wissen wir, dass es am wichtigsten ist, sich auf die am stärksten Gefährdeten – und deren unmittelbare soziale Umgebung – zu konzentrieren. Noch einmal: Ich weiß das aus persönlicher Erfahrung. Einige Mitschüler im Privatinternat meines Sohnes versuchten recht entschlossen, ihn zum Drogenkonsum zu verführen. Als ich mit dem Schulleiter sprach, stellte sich heraus, dass gerade die Kinder einflussreicher oder reicher Menschen dazu gebracht werden sollen, Drogen zu nehmen – mit dem Ziel, dass diese dann auch den Konsum der weniger Bemittelten finanzieren. Meinen Sohn habe ich dieses Internat dann nur noch als Tagesschüler besuchen lassen. So konnte man dem Einfluss der Mitschüler durch unseren eigenen Einfluss etwas entgegensetzen.

Anstrengungen intensivieren

Die Afrikanische Union (AU) und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) haben wegen der wachsenden Bedrohung für gute Regierungsführung, Sicherheit und Demokratie bereits Alarm geschlagen. Der aktuelle „Plan of Action and Drug Control“ der AU, der bis 2017 läuft, und der neue ECOWAS-„Action Plan to Adress Illicit Drug Trafficking, Organized Crime and Drug Abuse in West Africa 2016–2020“ sind große Schritte in die richtige Richtung. Auch auf nationaler Ebene tun die Regierungen in der Region einiges gegen den Drogenhandel – auch mit der Unterstützung externer Partner. Doch es bleibt eine dringende Notwendigkeit, unsere Bemühungen zu intensivieren und eine kohärente Antwort auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene sicherzustellen. Folgende Schritte sind besonders wichtig:

•    die Schwächen von Politik und Regierungen offen zu benennen, die von den Drogenhändlern ausgenutzt werden;
•    die Sicherheitskräfte zu stärken, damit sie auch gegen die Hintermänner der Netzwerke vorgehen können statt nur gegen das „Fußvolk“;
•    eine Militarisierung der Antidrogenstrategie zu vermeiden. Dies wurde von einigen Ländern unter großen Kosten versucht, hat aber nichts dazu beigetragen, die Verfügbarkeit von Drogen zu reduzieren;
•    den Drogenkonsum vor allem als Problem der öffentlichen Gesundheit und nicht der Strafjustiz zu betrachten. Drogenkonsumenten brauchen Hilfe, nicht Bestrafung. Wichtig wäre es, mehr für Therapieeinrichtungen und Programme zur Schadensreduzierung aufzuwenden;
•    die Drogengesetze auf Basis der bestehenden minimalen Gesundheitsstandards zu reformieren und eine Entkriminalisierung von Drogenkonsum und kleineren, gewaltlosen Drogenvergehen zu verfolgen. Individueller Konsum oder Besitz illegaler Drogen in kleinen Mengen sollte nicht als Verbrechen gelten und nicht strafrechtlich geahndet werden;
•    die Kooperation zwischen Produktions-, Transit- und Konsumländern zu verbessern, nicht nur hinsichtlich der Bekämpfung des Drogenhandels, sondern auch hinsichtlich Prävention, Behandlung und Schadensreduzierung.

Internationale Kooperation

Um die Folgen von Drogenhandel und -konsum durch informierte, humane und koordinierte Strategien zu bekämpfen, sind große, gut abgestimmte Bemühungen notwendig. Diese müssen von afrikanischen Ländern angeführt werden, doch wir brauchen die Unterstützung der ganzen Welt. Die internationale Gemeinschaft muss die Last teilen. Deutschland engagiert sich bereits konstruktiv, beispielsweise durch die „Globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung“, die sich auf Gesundheit und Entwicklung konzentriert.

Nationen, deren Bürger große Mengen illegaler Drogen konsumieren, müssen sich viel stärker darum bemühen, die Nachfrage zu reduzieren. Letztendlich werden zwei Drittel der Profite des Drogenhandels in den Konsumländern erzielt. Doch ich würde noch weiter gehen und die Länder auffordern, nicht nur in Betracht zu ziehen, was innerhalb ihrer Staatsgrenzen geschieht – innerhalb derer sie womöglich Maßnahmen gefunden haben, deren Kosten sie tragen können. Sie sollten auch den Ländern Aufmerksamkeit schenken, die die Hauptlast tragen müssen: wegen der Verluste an Menschenleben und der negativen Auswirkungen auf die eigene Sicherheit und Entwicklung. Für viele Länder Westafrikas funktioniert das gegenwärtige System nicht – wir brauchen internationale Reformen. Auf der Sondersitzung der UN-Generalversammlung zum Thema Drogen war es leider nicht möglich, die erforderlichen Veränderungen zu beschließen. Dennoch hoffen wir auf die Solidarität und die Bereitschaft unserer Partner, unseren Problemen Aufmerksamkeit zu schenken und eine Übereinkunft zu erreichen, mit der alle Seiten leben können. Es ist Zeit für einen durchdachteren Ansatz in der Drogenpolitik.

Olusegun Obasanjo war von 1999 bis 2007 Präsident Nigerias. Er ist Vorsitzender der West Africa Commission on Drugs und Mitglied der Global Commission on Drug Policy.

 

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