Wir können belegen, dass eine andere Drogenpolitik erfolgreicher ist.

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Die ehemalige Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss, 80, steht seit 2016 der „Weltkommission für Drogenpolitik“ vor, die sich für eine Wende im Umgang mit Cannabis und Co einsetzt.

SPIEGEL: Frau Dreifuss, vor fast 50 Jahren haben die USA den „Krieg gegen die Drogen“ ausgerufen. Was hat er gebracht? Dreifuss: Er ist voll und ganz gescheitert. Repression wirkt nicht. Der Drogenkonsum hat sich fast weltweit verschlimmert, und ebenso die gesellschaftlichen Probleme, die von den Drogen ausgehen. Der Schwarzmarkt steigert nur die Gefährlichkeit der Stoffe und die Gewalt auf den Straßen; insbesondere Lateinamerika verzeichnet eine Explosion von Gewalt, die in der Geschichte dieser Länder einzigartig ist.

SPIEGEL: Wie lautet die Alternative?
Dreifuss: Wir können belegen, dass eine Drogenpolitik erfolgreicher ist, wenn sie auf die Gesundheit und soziale Integration der Nutzer setzt. In der Schweiz haben wir vor über 25 Jahren die kostenlose, kontrollierte, heroingestützte Behandlung für schwerabhängige Menschen eingeführt. Viele dieser Süchtigen führen seither ein stabiles Leben im Gleichgewicht, manche werden allmählich so alt, dass sie nach und nach in Seniorenheime ziehen, die sich für diese besondere Klientel rüsten müssen. Das ist ein schönes Problem. Wahrscheinlich würde ohne diese Behandlung keiner von ihnen heute noch leben.

SPIEGEL: In vielen Ländern hätten diese Menschen längst die Todesstrafe bekommen.
Dreifuss: Die Philippinen, Singapur, aber auch Thailand oder Kambodscha, hängen immer noch dem Modell des totalen Krieges an. Aber selbst Staaten, von denen man es kaum erwarten würde, öffnen sich langsam den Maßnahmen zur Schadensminderung, die in Europa entwickelt wurden. In China und im Iran gibt es zum Beispiel die Methadonsubstitution für Süchtige, ihnen wird auch sauberes Injektionsmaterial gestellt.

SPIEGEL: Kündigt sich da ein grundlegender Umbruch an?
Dreifuss: Ich glaube schon. Viele Länder wollen die gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden nicht mehr tragen, die mit der Repression einher gehen. Ecuador zum Beispiel hat Tausende von kleinen Drogen-Schmugglern von der Haft verschont, weil die politisch Verantwortlichen erkannt haben: Es ist besser, wenn sie für ihre Familien sorgen, als dass sie ins Gefängnis gehen.

SPIEGEL: Zahlreiche Staaten lassen jetzt in der Coronakrise Gefangene frei, die wegen gewaltlosen Drogendelikten einsassen. Ist das ein Beispiel dafür, dass Gesundheitsschutz jetzt höher bewertet wird als Strafjustiz?
Dreifuss: Die überfüllten Gefängnisse sind jedenfalls sehr gefährliche Infektionsherde für Gemeinschaften innerhalb und außerhalb der Mauern. Viele Menschen erkennen jetzt aber auch, dass diese Leute dort eh nichts zu suchen hatten. Die Gefährdung der Gesellschaft geht nicht von ihnen aus.

SPIEGEL: Sind Drogen nicht verboten, eben weil sie so gefährlich sind?
Dreifuss: Leider nein. Cannabis zum Beispiel ist von der Pharmakologie und den sozialen Folgen her weniger riskant als Alkohol oder Tabak. Aber wie so oft bei psychoaktiven Substanzen, hat die Beurteilung, was legal konsumierbar sein soll und was nicht, eher wenig mit der Realität zu tun. Sie hat aber sehr viel zu tun mit den Vorurteilen über die Konsumenten des jeweiligen Mittels. Die Tendenz dabei geht so: Wenn die Nutzer weiß sind, gut integriert, mit so wenig Migrationshintergrund wie möglich, dann ist ihre Droge wahrscheinlich legal.

SPIEGEL: Der „Weltkommission für Drogenpolitik“ gehören viele Ex-Premierminister und Ex-Staatschefs aus allen Erdteilen an, mit dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa ist sogar ein Literaturnobelpreisträger dabei. Wie oft treffen Sie sich – und was bringt Sie als Gruppe zusammen?
Dreifuss: Wir sehen uns nur einmal im Jahr auf einer Konferenz. Aber wir reisen sehr viel in wechselnden Zweier— und Dreierdelegationen. Im Thema Drogenpolitik bündelt sich sehr vieles, für das wir uns auch früher schon eingesetzt haben. Hier geht es um Gesundheit, um Soziales, Kulturelles, um Grundrechte und Wirtschaft – und um den Kampf zwischen Ideologie und Sachlichkeit.

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